Grün.Links.Denken

Prostitutionsgesetz weiterentwickeln, statt verschärfen

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Die Süddeutsche Zeitung erweckte am 18.04.2013 den Eindruck, die Anträge zur Verschärfung des Prostitutionsgesetzes, die unter anderem die Landesvorsitzende aus Baden-Württemberg und der bayerische Landesvorsitzende gestellt haben, seien bereits Mehrheitsmeinung in der Partei. Doch allen medialen Unkenrufen zum Trotz halten wir beim Prostitutionsgesetz Kurs und machen nicht den Gauweiler 2.0. Darüber bestand bislang immer Einigkeit bei Grüns, getragen von unserem Bundesfrauenrat.

Im Wahlprogrammentwurf stellen wir deshalb auch fest, das wir mit dem rot-grünen Prostitutionsgesetz das Sexgewerbe entkriminalisiert und die Doppelmoral beendet haben. Die These, ein liberales Prostitutionsgesetz führe zu mehr Menschenhandel ist längst widerlegt. Im Gegenteil: Seit der Liberalisierung gab es mehr polizeiliche Aktivität und dennoch deutlich weniger Tatvedächtige, Verurteilte und Opfer. Die Zahl der Opfer von Zwangsprostitution ging laut BKA um 48% zurück. Die genauen Zahlen sind in der Antwort unserer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung zu finden. Das spricht eher dafür, dass die Herauslösung der Sexarbeit aus dem kriminellen Milieu zunehmend gelingt.

Natürlich ist jedes Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution eines zu viel. Wir Grünen haben Vorschläge unterbreitet, wie durch Verbesserungen im Aufenthaltsrecht ein besserer Schutz der Opfer gelingen kann. Wer Dunkelfeld aufhellen und Strafverfolgung verbessern will, muss den Opfern aufenthaltsrechtlich dauerhaft Schutz anbieten. Die Bundesregierung verweigert sich dem aber und sieht keinen Handlungsbedarf.

Das Prostitutionsgesetz war zugleich eine unvollendete Reform: Nach zehn Jahren sind Reformnotwendigkeiten deutlich, die wir nun anpacken müssen. Wir wollen die Stätten von Prostitution besser regulieren. Das  Gewerberecht gibt uns die Handhabe, um Missstände und Lohndumping zu unterbinden. Das gelingt aber nur, wenn wir die Prostitution ans Tageslicht holen und sie nicht wieder in die Kriminalität verbannen. Kriminalisierung der Prostitution schadet den betroffenen Frauen nur. Der Entwurf des Bundesvorstands für das Wahlprogramm (BTW-G-01 Zeile 177-195) schlägt da bereits den richtigen Weg ein, den wir noch konkretisieren sollten.

Kontraproduktiv sind aber die von den AntragsstellerInnen Ehlers-Walker-Janecek beantragten Verschärfungen, die offenkundig den Schulterschluss mit der Union suchen. Insbesondere Forderungen, die dem CSU-Maßnahmenkatalog gegen HIV aus den 1980er Jahren entspringen, waren bei den Grünen bislang nicht mehrheitsfähig – und sollten es auch nicht werden.

Die beantragten Änderungen zum Wahlprogramm sind ein Sammelsurium aus dem Gruselkabinett der Sittenwächterzeit. Im Einzelnen wird da z.B ein „Kondomzwang“ und das verpflichtende Vorlegen von Gesundheitszeugnissen gefordert. Auf den ersten Blick klingt das nach „Verbraucherschutz“ – tatsächlich wird so eine Regelung niemals durchzusetzen sein. Sie wäre nur ein Vorwand, um wieder Prostituiertenlisten anzulegen und die Polizei zu Kontrollrazzien zu schicken. Ein ärztliches Zeugnis über die gesundheitliche Unbedenklichkeit entlässt zudem die Freier aus ihrer Verantwortung für den Schutz der Frauen nicht. Die Aidshilfen lehnen so einen Vorstoß zu Recht als kontraproduktiv ab. Denn der Schutz der Frauen würde dadurch abnehmen, weil Männer erst recht auf das Kondom verzichten würden, da sie ja quasi staatlich garantiert bekamen, dass ihr Gegenüber keine Krankheiten hat.

Außerdem schlagen die AntragsstellerInnen Ehlers-Walker-Janecek einen Ton an, der Sexarbeiter*Innen zu Opfern stilisiert und ihnen abspricht, diese Entscheidung bewusst gefällt zu haben. Auf dem Kongress von Grün.Links.Denken. hatten wir für unsere liberale Linie einstimmige Unterstützung. Auch Interessensgruppen von Sexarbeiter*Innen, wie Hydra e. V., sind da auf unserer Seite.

Prostitution ist in demokratischen, weltoffenen Gesellschaften kein Thema für das Polizeirecht. Deshalb brauchen wir gewerberechtliche Überprüfungen von Prostitutionsstätten, um auch die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*Innen zu verbessern und mehr Opferschutz zur wirksamen Bekämpfung von Menschenhandel und Zwangsprostitution zu gewährleisten.

20 Kommentare

  1. Volker, vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag und dir und deinen Mitstreitern wie immer viel Erfolg. Für eine Sexarbeit, die legal, menschenwürdig, liebevoll und frei von Diskriminierung ist!

  2. Als selbständige Sexworkerin, die ihren Beruf freiwillig gewählt hat, und ihn mit Spaß und Enthusiasmus ausübt, möchte ich mich für den wichtigen Beitrag von Herrn Beck bedanken.

    Weiter so!

  3. Leute, ich war bei Grün.Links.Denken, wenn auch nicht in der betreffenden Arbeitsgruppe.
    Und ich bin nicht mit Volker einverstanden und kann trotz meiner grün-linken Position die Anträge aus Süddeutschland zu dem Thema zumindest nachvollziehen, wenn ich auch nicht sicher bin, wie man nun das Problem am besten löst.
    Und eine menschenwürdige, liebevolle und freie Sexarbeit sehe ich in einer so unvollkommenen, von unterschiedlichem Machtgefälle geprägten Gesellschaft, wie die menschliche, weltweit, einfach nicht.
    Habe mit dem  folgenden Satz ein Problem und sehe auch die Prostitution bei Weitem nicht so rosig, wie dies von Volker hier dargestellt wird:
    "Prostitution ist in demokratischen, weltoffenen Gesellschaften kein Thema für das Polizeirecht."
    Nun, das Prostitutionsmiilieu hat bis heute in den meisten Fällen Schnittstellen ins organisierte Verbrechen, von Rockern (nicht immer so nette) bis zum per Mafia betriebenen Menschenhandel. Weswegen hier das Ganze stets auch vom Polizeirecht betroffen ist.
    Natürlich muss man dafür sorgen, dass die Prostituierten möglichst nicht (wieder) kriminalsiert werden. Allerdings habe ich große Zweifel an der weitgehenden Freiwilligkeit des Sexgewerbes (bis auf ggf. mögliche sehr wenige Ausnahmen).
    Andererseits wird man in wirklich freien und gerechten demokratischen Gesellschaften nur sehr wenige Frauen (und noch weniger Männer vermutlich) finden, die sich bzw. ihre Sexualität verkaufen. Das zeigt doch schon der Umstand, dass es wenige deutsche Frauen und Mädchen gibt, die hier die "Nachfrage" befriedigen.
    Da funktioniert glücklicherweise unser Sozialstaat, immer noch, auch wenn wir in einigen Bereichen einiges tun müssen. Da Frauen und Mädchen (die die Mehrheit der Prostituierten stellen) hierzulande eben nicht hungern müssen, wenn sie keinen anderen Job haben, ist auch keine, wie noch vor 50 bis 100 Jahren gezwungen, sich zu prostituieren, d.h. es gibt wenig einheimische "Anbieterinnen".
    Da die "Nachfrage" jedoch hoch ist, wird "importiert", auf mehr oder weniger freiwilliger Basis und freiwillig ist auch keine dabei, die sonst in ihrem Heimatland hungert oder deren Kinder dort sonst hungern würden!. …
    Allein das spricht dafür, dass es sich für Frauen und Mädchen eben nicht um einen normalen Beruf handelt.
    Der Verkauf des eigenen Körpers war quer durch die Geschichte und die Kulturen (bis auf wenige religiös fundierte Ausnahmen) ein  Geschäft mit dem "Letzten, was man eben in Notzeiten verkaufen kann", dem eigenen Körper.
    Die umgekehrte Nachfrage von Frauen nach Männern dürfte sehr gering sein, zumindest sind mir hier keine relevanten Zahlen aus Deutschland bekannt. Allerdings gibt es einige wenige Frauen, die sich in Ländern der 3. Welt junge Männer kaufen, die ebensowenig im "Geschäft" wären, wenn sie andere Erwerbsmöglichkeiten hätten bzw. dies nicht tun müssten, um zu überleben und ggf. das Überleben ihrer Familien zu sichern.
    Auch bei den Jungs, die sich an Männer verkaufen, werden wir bei genauem Hinsehen mehr Zwang als Freiheit finden.
    Auf jeden Fall kann ich diesen rosigen Blick auf das "Gewerbe" nicht nachvollziehen.

     

    • Liebe Frau Opeker,

      leider ist das Bild, das sie zeichnen nur die "halbe Wahrheit". 

      Es gibt sehr viele Frauen (Männer) dort draußen, die sich bewusst und freiwillig dazu entschieden haben, Sexworker zu werden. Leider kommen diese selten zu Wort bzw tauchen kaum in den Medien auf. Zu wenig Skandalträchtig, es interessiert niemanden oder man möchte es nicht glauben. 

      Natürlich muss heutzutage niemand von Sexwork als einzige Erwerbsquelle leben. Was wäre die Alternative? Hartz4? Schlecht bezahlte Leiharbeiterjobs? Wenn man nun also die Wahl zwischen all den Alternativen hat und sich (trotzdem?) für Sexarbeit entscheidet, so ist das nur legitim und sollte niemandem verwehrt/erschwert werden. 

      Manch einer ist glücklich als Altenpfleger, ein anderer kann sich dies für sich niemals vorstellen. 

      Letztenendes unterstehen wir ALLE einem Zwang… und zwar dem Zwang für unseren Lebensunterhalt zu sorgen. Selbst wenn man nicht der Sexarbeit nachgehen möchte und sich zB mit Hartz4 mehr schlecht als Recht über Wasser hält, so ist man ständig Jobangeboten ausgesetzt, die nicht der persönlichen Vorstellung entsprechen. 

      Insofern finde ich an dieser Stelle das Argument, das Frauen sich in die Prostitution gezwungen fühlen, unsinnig. Es ist für sie vielleicht das kleinere Übel und sie können so ironischer Weise SELBST darüber bestimmen, was sie tun möchten und was nicht. Selbstbestimmt. 

      Wir müssen dringend weg vom alten klischeebehafteten Denken. Die meisten Frauen heute arbeiten nicht mehr so wir früher in Laufhäusern und Bordellen. Nein, sie arbeiten selbständig und eigenverantwortlich in ihren Zimmern, organisieren sich und ihre Tätigkeit selbst. Natürlich bekommt die breite Masse hiervon nichts mit. Denn sie fallen ja in der Regel nicht auf, da eben besagte Rockerbanden oder sonstiges Mileu nichts damit zu tun hat. 

      Und eben DIESE selbstbestimmte Arbeit wurde zb durch das ProstG möglich. Sie benötigen keinen "Schutz" obskurer Hintermänner mehr, weil sie sich nicht mehr verstecken müssen. 

      Fangen wir nun an zurück zu rudern und alles wieder intensiver polizeirechtlich kontrollieren zu lassen, so treiben wir diese Frauen wieder zurück auf die Straße, in dreckige Kellerwohnungen, große Bordellbetriebe und zurück in eben eine solche Abhängigkeit, vor der die vermeindlichen "Opfer" eigentlich geschützt/bewahrt werden sollten. Die bereits vorhandene Stigmatisierung wird wieder zu nehmen und die wenigsten Frauen sich steuerrechtlich melden. Aus Angst vor ständigen Kontrollen und damit verbundenen öffentlichen Bloßstellungen/Erniedrigungen. 

      Natürlich brauchen wir auch Gesetze und Reglementierungen. Aber dies alles doch bitte nicht automatisch kriminalisiert und  durch die Polizei überwacht.

  4. Warum haben wir eigentlich seinerzeit gegen Gauweilers Zwangstests gekämpft, wenn jetzt einige Grün-lackierte Gauweilers das wieder einführen wollen? Die Problematiken mit dem Prostitutionsgesetz sind bekannt. Aber man wird diese nicht durch einen anachronistischen Zwangstest und Kondomzwang bekämpfen. Das ist reine CSU-Rhetorik, die nun u.a. in manche bayerischen Grünköpfe eingezogen ist, ohne dass da auch nur ein Funken an die Sinnhaftigkeit und an die Geschichte des Befreiungskampfes gedacht wurde. Diesen Unfug MUSS man einfach verhindern!

  5. Pingback: wenn einer nur die Hälfte erzählt

  6. Manuela Schwartz,

    das Bild, das ich zeichne ist sicherlich nicht die halbe, sondern ca. 90% der Wahrheit. Und ich habe Einblick ins Milieu und kenne Leute, die das haben und auch welche, die hierzu arbeiten, sei es mit Ausstiegshilfen oder zum Thema Menschenhandel.

    Mir ist durchaus bewusst, dass es ein paar Freiwillige gibt. Und ich bin hier keineswegs für die Einführung von Gauweiler'schen Zuständen. Da haben  Sie mich möglicherweise missverstanden.

    Was mich stört, ist die rosarote Brille, die hier manche aufsetzen, wenn es um Prostitution geht, und die unerträgliche Relativierung, indem mal eben so getan wird, als handele es sich hier um einen ganz normalen Beruf, für den sich ein Mensch auch ganz normal nach Neigungen entscheide. Das ist einfach nicht der Fall. Sonst bräuchte man in dem Bereich ja auch kein Grundgesetz, das das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hervorhebt und garantiert. Und  genau diese Selbstbestimmung gibt man beim Verkauf des eigenen Körpers nun mal ab. Das kann man oder frau tun, wenn sie das wollen, das ist aber dennoch kein normaler Beruf.
    Im Übrigen kann ich auch nicht nachvollziehen, was denn nun an der Forderung, in jedem Fall auf Gummis zu bestehen, so schlecht sein soll?
    Sie schützen doch in erster Linie die Huren (die wenigen männlichen und die etwas häufigeren weiblichen), nicht nur vor Aids im Übrigen, auch vor anderen, gefährlichen und heute teilweise gegen Antibiotikabehandlungen resistenten Keimen. Das würde doch auch wenn man hier Gewerberecht anwendet, dem Mitarbeiterschutz entsprechen.
    Und ich bin gegen Zwangstests, möchte aber gerne zu bedenken geben, dass im Gaststättengewerbe eben auch Gesundheitsuntersuchungen bis 2001 Pflicht waren und im Pflegebereich im Übrigen immer noch Pflicht sind, überall, wo ein Mensch es in seinem Job mit vielen Menschen und das auch noch sehr nah zu tun hat, was bei Prostitution ebenso wie in der Pflege und in der Gastronomie der Fall ist, auch wenn das in der Gastronomie inzwischen gelockert wurde. Wieso sollte die Prostitution hier anders behandelt werden als der Pflegebereich? Rein gewerberechtlich und gesundheitsrechtlich und ganz unabhängig davon, ob ich den Job nun als normal oder nicht normal empfinde?
    Und nein, solange nicht massenhaft Arbeitslose das Jobcenter bestürmen, ihnen doch bitte einen Job im Milieu zu beschaffen und solange man in diesem Job kein Schulpraktikum machen kann (ich bezweifle, dass man das seiner Tochter/Sohn zumuten möchte und als normal empfindet), ist das kein normaler Job, auch wenn es sicherlich gut ist, die Arbeit entkriminalisiert zu haben. Das ist auf jeden Fall richtig.

    • Christel, du versuchst hier, alarmistische Behauptungen als Wahrheit darzustellen, die einfach nicht haltbar sind (und die wohlgemerkt der Durchsetzung einer reaktionären und hochgradig repressiven Prosititutionspolitik dienen sollen). Die Aussage, "90% tun es nicht freiwillig" stammt meines Wissens nach von einem Stuttgarter Polizeibeamten, der damit seit Jahren durch die Medien tingelt und besonders gerne im Umfeld der 'Emma' und von Anti-Prostitutionsorganisationen wie 'solwodi' zitiert wird. Nach eigener Aussage zählt er unter anderem all jene SexarbeiterInnen dazu, die zu festen Zeiten arbeiten ("Der Zuhälter bestimmt die Arbeitszeiten"), die eine hohe Zimmermiete bezahlen (IMHO ein echtes Problem, aber auch Resultat der Tatsache, dass es kaum Rechtssicherheit für Betreiber gibt und dass der Miete eben auch entsprechende Verdienstmöglichkeiten gegenüber stehen), oder die einen großen Teil ihrer Einnahmen an Freund, Familie etc. weitergeben, vermutlich kommt dazu zusätzlich noch ein durch seine Arbeit im Polizeivollzugsdienst  grundsätzlich recht verzerrter Blick auf die Prostitution als Ganzes.

      Ich selbst habe als regelmäßiger Freier "Einblicke ins Milieu" (bin in deinem Sinne also ebenfalls 'Experte') und bin dabei noch nie einer Zwangsprostituierten begegnet. Dabei bewege ich mich als alleinstehender Arbeiter gerade nicht im Bereich der gehobenen Prostitution, die könnte ich mir nämlich gar nicht leisten. Die Frauen machen ihren Job genauso (un)gern, wie alle anderen einer Erwerbsarbeit nachgehenden Menschen, und das ist eben mal mit wenig, aber oft auch mit ziemlich großer Freude. Dein Bild der Prostitution als "Geschäft mit dem Letzten" ist also haarsträubender Unsinn – die Hauptmotivation sind in der Regel selbstverständlich die hohen Verdienstmöglichkeiten zur Verwirklichung eines höheren Lebensstandards, und die sind für eine Krankenschwester in Bulgarien mit einem Nettoeinkommen von ca. 200€/Monat eben nach wie vor geradezu fantastisch.

      Ich möchte hier aber eigentlich bewusst nicht mit Anekdoten und Hörensagen argumentieren, wie es Prostitutionsgegner so gerne tun, sondern abschließend den Blick noch einmal auf die harten empirischen Zahlen lenken:

      In Deutschland gibt es jährlich etwa 700 Opfer von Menschenhandel, davon etwas weniger als 2/3 im Bereich der Prostitution.[1] Bei einer Gesamtzahl von 300.000 Prostituierten in Deutschland, ist das ein Anteil im Promillebereich! Haben wir hier also wirklich die rosa Brille – oder nicht vielmehr die Prostitutionsgegner die rabenschwarze (im doppelten Sinne) Brille auf? Gestattet sei mir auch noch der Hinweis, dass diese Zahl der Menschenhandels-Opfer, gemessen an der Bevölkerungszahl mit 0,8 pro 100.000 Einwohner in Deutschland genauso groß ist wie im vielgelobten Schweden und signifikant geringer als z.B. im benachbarten Frankreich (1,2 pro 100.000 Einw.). [1]

      [1] Quelle: EUROSTAT. Trafficking in Human Beings, 2013 edition, Tabelle 1.  http://ec.europa.eu/dgs/home-affairs/what-is-new/news/news/2013/docs/20130415_thb_stats_report_en.pdf

  7. Pingback: Argumente für die Änderungsanträge zum Thema Prostitution und Menschenhandel | BLOG.GRUENE-BW.DE

  8. Natürlich ist es schwierig, die unterschiedlichen Facetten des Prostitutionsgewerbes (ob nun freiwillige Prostitution, Zwangs- oder Beschaffungsprostitution) in EINEM Gesetz zusammenzufassen, und damit allen Formen der Prostitutuion gerecht zu werden.

    Aber es ist einfach ärgerlich und unzutreffend, daß die Existenz von freiwillig in der Sexwork Arbeitenden (und nein, das sind nicht nur 10%) völlig negiert wird bzw als kleine Minderheit dargestellt wird.

    Ich habe mich bewußt für den Beruf der Sexarbeiterin entschieden.

    Als Frau mit Abitur, einer abgeschlossenen kaufmännischen Lehre und 10 Jahren Berufserfahrung im kaufm. Angestelltenverhältnis gab es für mich keinerlei soziale Not, als Prostituierte arbeiten zu "müssen".

    Dennoch war es mein Wunsch, in der Sexarbeit Geld zu verdienen.

    Ich bin selbständig, führe ein Domina-Studio, kümmere mich um meine Werbung, HP, Fotos, Steuern, Einkauf usw und bin wahnsinnig stolz darauf, selbständige Unternehmerin mit eigenem Betrieb zu sen, der schwarze Zahlen schreibt.

    Es gibt für mich keinen erkennbaren Grund, wieder als Angestellte in der "normalen" Arbeitswelt arbeiten zu wollen.

    Ich liebe meine Selbständigkeit, meine Unabhängigkeit und meinen Beruf.

    Es gibt uns freiwillige Prostituierte; wir haben ein Recht auf unseren Beruf und möchten nicht durch widersinnige Gesetze in die Illegalität getrieben werden!

  9. Nein, das ist kein Alarmismus, aber hier gibt es sicherlich unterschiedliche Standpunkte, über die man natürlich diskutiueren muss.

  10. Noch etwas zum Nachdenken, denn mir fehlt hier einfach der soziologische Blick, der auf die Machtverhältnisse …
    Komisch, dass mir manche Leute Alarmismus vorwerfen, wenn ich unter Linken, auch Grünen Linken, das Thema Zwangsprostitution, Armutsprostitution und Menschenhandel anspreche. Verstehe ich nicht. Geht doch nicht um eine erneute Kriminalisierung, geht ganz einfach um Machtverhältnisse und Gewaltverhältnisse in Gesellschaften und Staaten, in denen sich bis heute weltweit kaum eine Prostituierte wirklich frei entscheiden dürfte. Woher auch? So sind die Verhältnisse nun mal nicht, nirgends und in manchen Staaten, denen mit wenig bis gar keiner sozialen Sicherung, sind sie sogar prostitutionsfördernd (was man derzeit sehr schön in Griechenland beobachten kann, wo die Gesellschaft auseinanderbricht). Und die tun das dort mehrheitlich nicht, weil die das alle wollen, sondern weil sie und ihre Kinder überleben wollen bzw. müssen. Leute, ohne Diskussion über die Machtverhältnisse in Gesellschaften taugt auch die Diskussion über eine liberalisierte Prostitution nicht viel, sondern ist eine unsoziale und wenig menschenfreundliche Augenwischerei!

  11. erschrocken……

     

    ich bin erschrocken, welches Menschenbild die Grünen neuerdings vertreten, eine Partei, die anfänglich für Bürgerrechte , Frauenrechte, Menschenrechte, Bildung etc auf die Straße gegangen ist.

     

    Gelten die Menschenrechte, die Menschenwürde (selbst über meinen Körper zu bestimmen,. dass man sich als frau nicht benutzen lassen muss……etc) bei den Grünen nichts mehr.

     

    Sind die Grünen einfach auf den bequemen Zug aufgesprungem den alle Freier (und Steffen hat ja selbst zugegeben, einer zu sein) immer wieder gerne nutzen: Die Frauen wollen es ja so???

     

    Da empfehle ich dann doch mal den Spiegel Artikel Bordell Deutschland zu lesen. Und ich wette, die Freier würden definitiv NICHT wollen, dass ihre Freudin, ihre Tochter gar auf den Strich geht.

     

    Wenn es weiter Prostitution gibt schärft sich schon bei den kleinen Jungs ein- naja, Mädchen kann man sich ja notfalls mit Geld kaufen….was sagt das über die Lebens- und Liebesfähigkeit dieser Menschen aus- die die Notlage anderer ausnutzen.

     

    Ja, es ist eine heuchlerische Diskussion, weil die Freier eben weiter "für nen Appel und nen Ei) die Frauen "bespringen" wollen, nichts anderes ist es ja.

     

    So kann sich eine Gesellschaft nicht in Richtung Menschenrechte und gegenseitiger Respekt weiterentwickeln. Ich als Frau würde mich schämen, einen Mann für Sex zu bezahlen- umgekehrt gilt das wohl nicht.

    Manchmal, Herr Volker Beck, ist liberal eben ZU liberal- oder wollen Sie gar eigene Interessen schützen?? Grüne und FDP auf einer Linie beim Thema Prostitution, wo sonst gibt es das schon…..na, ich werde die Grünen nicht wieder wählen als Frau (siehe auch Aufschrei-Debatte)

  12. okay, ich versuche es einfach nochmal und hoffe, dass ich nicht erneut zensiert werde, weil meine Meinung hier vielleicht nicht erwünscht ist……

     

    Ich frage mich, warum die Grünen nicht wie die Grünen in Schweden sich für Frauenrechte und die Menschenwürde (das bedeutet, dass kein Mensch einen anderen "kaufen" kann, einsetzen.

    Ich finde Prostitution entsetzlich und verabscheuungswürdig, sowohl für die Frauen (die es meist unfreiwillig tun, welche Frau möchte schon jeden Mann…..) und auch für die Männer, die offensichtlich keinen Respekt vor Frauen haben, wenn Sie den Körper von Frauen für Ihre Bedürfnisbefriedigung benutzen.

     

    Und sich dann vorlügen, die Frauen wollten es ja so?? So ein Quark- die Frauenbewegung ist total gegen Prostitution aber die Grünen scheinen ja eher eine Partei für Männerinteressen geworden zu sein??? Schade, grds würde ich sie gerne wieder wählen.

     

    Wenn mein Kommentar jetzt wieder gelöscht wird, würde ich von der Moderation gerne mal erfahren, aus welchem grund. DAnke, vielleicht gilt hier ja doch noch Meinungsfreiheit??

    Oder sind die Grünen jetzt schon so etabliert, dass Diskussionen und abweichende Meinungen seitens Herrn Beck unerwünscht sind weil sie nicht in sein Weltbild passen?

     

     

    • Und du weißt, dass das nicht so richtig klappt mit der Freierbestrafung in Schweden? Man kann nicht alles verbieten, was man verabscheuungswürdig findet – oft schadet man den Betroffenen damit auch noch.

      • Liebe Julia,

        könntest Du uns bitte einen oder zwei seriöse Artikel verlinken, aus denen wir entnehmen können, daß und warum es in Schweden mit der Freier-Bestrafung nicht so richtig klappt?

        Ich finde es übrigens auch schade, daß Auswüchsen in manchen Fällen nur mit Verboten, oder gar Strafen gegenüberzutreten ist – aber bin auch realistisch genug, um einzusehen, daß Gesellschaft nur mit Regulierung, wozu auch eine gewisse Autorität gehört, geht. 

        Aber diese Regulierungen, oder nenn' sie ruhig Verbote, ich habe kein Problem mit diesem Wort, können wir ja gemeinsam festlegen, was?

        Gruß
        Annette 
         

  13. Gibt es überhaupt einen sicheren, zuverlässigen Weg, eine Anlaufstelle um Sexarbeiterinnen zu finden die es wirklich freiwillig und gerne machen? Meine Vermutung ist, wenn ich einfach danach fragen würde in dem jeweiligen Etablissement, würde niemand zugeben wollen das es unfreiwillig und unter schlechter Behandlung geschieht. Als Mann finde ich den Gedanken so schlimm das ich bisher lieber ganz darauf verzichtet habe. 

  14. Hallo, liebe Leut'

    Zu allem, was Christel Opeker zu dem Thema Prostitution geschrieben hat, kann ich ihr nur beipflichten.

    Die Menschen, die mich persönlich kennen, wissen dass ich die meiste Zeit meines Lebens Befürworterin einer selbstbestimmten Lebensführung, auch in der Berufswahl von Frauen und Männern, die mit dem Sexverkauf ihren Unterhalt verdienen, war … was allerdings nicht heißt, dass ich unfähig war, meine Meinung zu revidieren.

    Das ist nun bzgl. der Prostitution vor kurzem geschehen, als ich dieses Radio-Interview mit Ellen Templin, einer Berliner Domina, anhörte.

    Mir fiel es auf einmal wie Schuppen von den Augen, daß ich eine komplette Perspektive zur Entscheidung zu meiner Position vernachlässigt hatte … die Emotionelle. 

    Es ist nämlich sehr schwer sich in das Empfinden eines Menschen hineinzuversetzen, der mißhandelt wurde, bezw. sich mißhandeln läßt, denn die komerzielle Explotation allerprivatester Handlungen kann durchaus als solche betrachtet werden, auch wenn es mal leichter von der Hand geht und sogar Spaß macht, als andere Male. Wenn nämlich davon gelebt wird, ist der Erfüllungszwang und somit die permanente, schädigende Selbstüberwindung mit eingeschlossen, … Wenn Du selbst das Glück hattest, mit liebevollen Männern um Dich herum aufzuwachsen und niemals dieser Situation ausgesetzt warst, bzw. dein Intimleben, wie das nunmal auch vom Selbstwertgefühl her gesund und natürlich ist, für Dich selbst behalten konntest, bleiben ja die Texte, die Du zum Thema liest nichts alle bloße Theorie, der Du wiederum Deine eigene Theorie oder Lebenserfahrung entgegensetzt, und so ist das mit der "Selbstbestimmung" wunderbar schlüssig. Das hat aber nichts mit der Praxis zu tun, weil eben dieser Teil der Emotionen, der Psyche, fehlt … der Kopf alleine neigt eben schon dazu Betrachtungsweisen aus der eigenen Erfahrungswelt als Maß der Dinge anzulegen … und somit die Beschreibung der seelischen Zerstörung der Frauen (es sind ja hauptsächlich sie!) als "bedauerliche Einzelfälle" oder "milieubedingt" abzutun. – Ich mußte also erstmal mit dem Herzen hinhören, damit es bei mir "geschnackelt" hat. Dazu hat mir das Hören von Frau Templins Erfahrungen, die ich Euch unten angehängt habe, gedient.

    Dieses Muster, dieses Schema, das eine Prostituierte, wenn sie es nicht schon mitbringt, mit der Zeit zwangsläufig annimmt, prägt und schädigt Dein Verhältnis nicht nur zu Anderen, sondern vor allem zu Dir selbst. Diese selbstzerstörerische Entwicklung oder Neigung dient somit zu Gunsten der Befriedigung von Fremden nur noch als Verstärker der stetigen Selbstentwertung und wird, mehr oder weniger spürbar von gekauften Sexualpartnern chronifiziert … Das ist als hochgradig krank und entwürdigend zu betrachten! Anderst als bei Massage, Strippen und sonstigem erotisches Zurschaustellen, sind bei sexuellen Handlungen auch hochkomplexe psychologische und emotionale Reaktionen involviert … es gibt kein Zurückblicken auf ein solches Berufsleben, das auch nur im Entferntesten mit Begriffen wie "bereichernd, glücklich oder gar erfüllend" beschrieben werden kann! Die "glücklichen Huren" à la Xaviera Hollander sind durchweg Bordell- oder Call-Girl-Service-Betreiberinnen geworden, die sich dann auch noch zynischerweise am Elend Anderer bereichert haben. Und sogar diese, XH, will heute durch nichts mehr, absolut gar nichts mehr, an ihre durchaus finanziell erfolgreiche Berufstätigkeit erinnert werden! Das sollte uns zu denken geben.  

    Wir können es nun leider nicht verhindern, dass es Frauen (und Männer) gibt, denen es scheinbar nichts ausmacht oder die innere Zwänge haben, sich Jahr für Jahr, auch freiwillig, diesem Vergehen an ihnen gegen Bares auszusetzen. Mit der Zeit wird es vielleicht schwerer, der Weg zurück wird immer unmöglicher, die soziale Ausgrenzung ein nicht mehr zu leugnender Tatbestand…. trotz privater Ausreden, die mensch sich selbst zurecht legt ("ich bin ja schließlich Domina" oder "ich schicke jeden fiesen Kerl weg" – nehme also nur den "halb-fiesen", usw. ) … dann "helfen" Alkohol, Medikamente und Drogen, die den inneren Verfall zudecken helfen sollen.

    Deshalb ist es rechtens zu fragen, ob wir eine Gesellschaft wollen, in der soetwas rechtlich möglich ist? Vergesst bitte vor allem nicht die Beispielfunktion, die so eine "Normalisierung" der Prostitution für Heranwachsende, Mädchen und Jungs hat! Nach dem Motto "Was erlaubt ist, kann ja gar nicht so schlimm sein!" Das hat auch nicht mit Moral zu tun, eher mit der politischen Verantwortlichkeit einen fürsorglichen Gesetzrahmen zu schaffen, in dem Menschen vor Machenschaften geschützt werden, die sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nachhaltig psychisch und körperlich schwer schädigen werden. Gleichzeitig sollte der Staat das Geschäft mit allerprivatesten Handlungen im biologischen, sexuellen Bereich unter Strafe stellen und somit, speziell den Männern ein Zeichen setzen, dass die Frau kein Objekt ist. Auch wenn es "Freiwillige" gäbe. Aber es gäbe auch "freiwille" Leihmütter, die ihren Uterus vermieten würden und "freiwillige" Organspender, die gegen eine "Spende" eine Niere "abgeben" würden … und soetwas geht in Deutschland auch nicht.

    Deshalb plädiere ich für eine mutige Kehrtwendung der Grünen und dafür, daß Prostitution in Deutschland VERBOTEN werden soll, im Sinne, daß Freier und Bordellbetreiber bestraft werden sollen! Dabei verschwänden dann auch die "Bumspaläste", die ja jetzt auch in Grenzgebieten, wie dem Saarland, wo eine zutiefst beschämte lokale Bevölkerung einen enormen Zulauf aus Frankreich, wo restriktivere Gesetze dieses "business" vereiteln, beobachtet, und die abgrundtief frauenverachtenden Anzeigen verschwänden aus den für alle (Kinder inklusive) einsehbaren Reklamegazetten und websites.

    Bitte nehmt Euch die Zeit und hört das Interview mit Frau Templin an! Leider lebt sie nicht mehr, jedoch hat sie mit ihrem offenem und mutigem, persönlichen Zeugnis einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte geleistet, den wir WAHRNEHMEN und als solchen WÜRDIGEN sollten! – Sehr interessant und aussagekräftig auch ihre Beobachtung der Entwicklung der Werbung für bezahlte Sexdienstleistungen.

    Danke, für's Lesen und Nachdenken!

    Gruß aus Karlsruhe
    Annette
     

    http://frauen.wueste-welle.de/?p=464

  15. Der Link zum Interview, das Annette gepostet hat, hat sich verändert:

    http://www.wueste-welle.de/redaktion/view/id/114/tab/weblog/article/34860/Interview_mit_einer_Domina.html

    Im Übrigen kann ich Annette bei allem was sie sagte nur zustimmen. Auch über zwei Jahre später noch hoch aktuell und super auf den Punkt gebracht. 

    Was mir noch dazu einfällt, ist dass es einen Dualismus in dieser Frage gibt, der tief im patriarchalen System selbst steckt: Die Trennung zwischen Körper und "Seele" sowie jene zwischen Ratio und Emotionen. 

    Beides ist nicht existent. Nicht wirklich. Im Scanner (fMRT) ist bei simpelsten Entscheidungen sichtbar wie das limbische System (Sitz der Emotionen) diese vorbereitet und Menschen mit Läsionen in bestimmten emotionalen Gehirnbereichen sind nicht mehr in der Lage zwischen einer blauen und einer grünen Tasse zu wählen, die sonst gleich sind. Emotionen sind also an allem beteiligt, was wir denken, tun und reden. 

    Das heißt in diesem Fall: Frauen haben das natürliche Bedürfnis Sexualpartner sorgsam auszuwählen. Sie sind evolutionär nicht allein, aber durchaus weit stärker als Männer für Selektion zuständig, also die Verfeinerung und Verbesserung des Genpools des Menschen durch optimale Ergänzung und Mischung jener Attribute, die dafür sorgen, dass ein möglicher Nachkomme möglichst überlebensfähig und anpassungsfähig ist. 

    Da Männer umgekehrt aber den (nicht zu verdenkenden) Drang haben, sich auch fortpflanzen zu können und nicht einfach aussortiert zu werden, haben sie mithilfe eines Systems versucht, den Zugang zu Reproduktionssystemen (dummerweise die weblichen Körper), kontrolliert (d.h. mit ihnen verständlichen Regeln) und systematisiert zu "erschließen". Ganz ähnlich wie Kollonialherren neue Kontinente "erschlossen" und "zivilisierten", haben sie es mit Frauen getan. Alles, was nicht in Besitz oder unter Kontrolle war, musste diesen unterstellt werden. Eine Frau, die völlig unkontrolliert, unberechenbar und nach eigenem Gutdünken intuitiv entscheidet, ob und wann sie mit wem und wie oft Bock auf Sex hat, war (und ist vielen noch immer) ihnen ein Greuel. Eine Art persönliche Beleidigung. Wenn ER nicht gewählt wird. Man darf sich da vor dem inneren Auge ruhig ein junges Gorilla-Männchen vorstellen. Insofern ist es nicht unnatürlich, dass Männer inseheim manchmal noch immer so empfinden mögen ;). 

    Prostitution entstand als Teil dieses Systems der Kontrolle über weibliche Körper: Als Dualismus  (Männer lieben Dualismen) der Heiligen und der Hure. Die Heilige ist die Jungfrau oder Mutter (bei der Jungfrau Maria sogar vereint 😉 ), die Hure vereint all das, was der Mann zur Kontrolle weiblicher Sexualität  (der "Heiligen" sollte Sex keinen Spaß machen, damit sie nicht etwa selbst wählt), von der "Heiligen" abspalten musste und ihm doch letztlich an ihr fehlte: Die Frau mit ihrer unbändig kraftvollen und potenten Sexualität. Letzteres ist übrigens auch so etwas, was dem Mann Angst machte, da die sexuelle Lust von Frauen weit potenter und langatmiger ist, als jene von Männer. 

    Kurz: Die Freiheit der Frau bedeutete perse in gewisser Weise Abhängigkeit und Angst für Männer. 

    So wurde alles an ihr in Beschlag genommen und um diese fast zu 100% emotional bedingte Entscheidung zu moralisch zu legitimieren wurde die Frau und ihre Sexualität ähnlich dämonisiert und für dumm und willfährig erklärt, wie dies die Kollonialherren mit den Farbigen taten. 

    Aufgabe der Zivilisation ist nun all dieses "Gorilla-Gebaren" insbesondere von Männern zu kontrollieren und in Bahnen zu lenken, ganz einfach deshalb weil sonst alles andere nicht frei leben kann: Einschließlich der kleineren und jüngeren "Gorillas" ;). 

    Das System der Prostitution dient auch heute, im hoffentlich ausgehenden Patriarchat, ähnlichen Zwecken wie damals: Männer glauben ein RECHT auf den freien Zugang zu Frauenkörpern zu haben. Durch Porno (nicht Kunst!), Prostitution, usw. Und auf der anderen Seite daheim eine körperlich absolut exklusive Frau haben zu wollen. Während Freier-Ehemänner noch immer als "boys will be boys" gesellschaftlich akzeptiert werden und Jungs noch immer besonders tolle Jungs sind, je mehr Mädchen sie "stechen" können, werden die Mädchen von den gleichen Jungs noch immer mit Slut-Shaming zu kontrollieren versucht. 

    Der Firnis der Zivilisation ist dünn. 

    Frauen haben sich – auch kognitiv in Rationalisierungen und Glaubenssätzen – immer versucht diesem eigentlich nur mit Gegengewalt aufzubrechendem System so gut wie möglich anzupassen. Töten ist Leuten mit Gebärmutter irgendwie suspekter als denen ohne und nicht ihr Ding. Was bleibt dann? 

    1. Anpssen; 2) Weitersehen und das Systen ggf. langfristig von Innem heraus erodieren. 

    Einge Prostituierte definieren sich als "Rebellinen" gegen die verlogene Sexualmoral der Gesellschaft und sie sehen sich als eine Art "Punk" in diesem System: Als Antimodell dessen, wie die verklemmte Gesellschaft Frauen haben will. Sie sind sich der Rolle der "Hure" also durchaus bewusst, nur dass sie eine Art "Philosophie" daraus machen. Sogar der Kodex, dass Frauen von Männern 'ausgehalten' werden, wird bewusst und stolz darauf umgekehrt. Ich muss auch sagen: Ich kann diese Sicht sehr gut nachvollziehen. Die "Seriösen" seien eifersüchtig wegen der Gefahr für die Männer und würden Huren zugleich für ihre Freiheit beneiden. Zum Teil mag das bei den "seriösen" Frauen so sein… aber… letztlich ist es auch ein schöner Beleg dafür, das unser Gehirn ein Anpassungsorgan an Umwelten ist und zu phantastischen Konstruktionen fähig  (natürlich gilt das letztlich für alles, auch für meine Worte…). 

    Ich denke, wir sollten einfach Ellen im Interview oben zuhören, mal bewusst FÜHLEN, was das mit uns macht und dann ein bisschen darüber reflektieren. 

    Über die Frauen – und das muss natürlich erlaubt sein – für die Geldscheine und die Situation der Prostitution eine Art sexuellen Fetisch darstellen und eine andere Wahl haben, redet Ellen nicht. Es gibt sie vermutlich. Genau jene, die in JEDEM System klarkämen. Erst recht, im Schwedischen. 

    Für alle anderen, sollten wir an unserer Zivilisation weiterarbeiten. 

  16. Sorry, kanns grad nicht mehr bearbeiten, was ganz am Anfang als Schlussfolgerung fehlt ist nach der Sache mit ddm fMRT: Die häufige Behauptung von Sexarbeiterinnen (also jene, die sich so benennen), dass sie "das" "trennen" können und das "nur ein Job" wäre, wird nicht nur von vielen Aussteigerinnen völlig anders dargestellt. 

    Im nächsten Absatz zu evolutionären Theorien fehlt der Hinweis, dass das natürlich  (im Gegensatz zum vorherigen) nur eine Theorie ist, auch wenn sie von vielen Wissenschaftler*innen gestützt wird, bleibts ne Theorie. Die Schlussfolgerung hieraus wäre: Die Frauen müssen am Anfang ihrer Tätigkeit oft lernen, natürliche Instinkte und Ekel "abzustellen", was nach Berichten von mir bekannten Prostituierten (sie nennen sich so) hart war, bzw. mit der Zeit Hilfsmittel benutzt werden  (Alk, Drogen, Pillen). 

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