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Erinnerung – Mehr als ein Ritual

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Das Schlagwort von Erinnerungspolitik prägt seit Jahrzehnten den politischen Alltag in Deutschland. Doch was ist davon Erinnerung und was ist davon Politik? Am Tag der Befreiung Deutschlands oder am Tag der Auschwitzbefreiung stellen sich diese Fragen besonders prominent, doch auch zwischen den beiden Daten werden wir als Gesellschaft diese Frage nicht los: Was machen wir aus unserer Geschichte und was macht unsere Geschichte aus uns?

Die Dauerklagen über die Art und Weise, wie wir gedenken sind mittlerweile unüberhörbar. Manche beschweren sich über eine „zu traurige“, andere über eine „zu vergangenheitsfixierte“ Erinnerungspolitik. Als ob es überhaupt möglich wäre, an mehr als 6 Millionen Tote Jüdinnen und Juden und viele Millionen Anderer ohne Trauer zurückzudenken und als wäre Geschichte als Dispositionsmasse ohne Vergangenheitsbezug denkbar. Andere Stimmen erklären jeden Abschied von Holocaustüberlebenden für eine Zäsur, als wäre die Erinnerung an den Holocaust ausschließlich an biographische Umstände von Lebenden gebunden. Und die meisten von uns wägen sich nur allzu gerne in der falschen Gewissheit, dass diese Bundesrepublik Deutschland erinnerungspolitisch alles richtig und vor allem längst genug getan hat, um die Verbrechen der Deutschen „aufzuarbeiten“.

Neben diesen konstruierten Defiziten gibt es aber reale Veränderungen, denen wir uns stellen müssen. Wir müssen damit fertig werden, daß neue mediale Zugänge, zunehmende interkulturelle Vielfalt und ein erneuter Generationenwechsel, diesmal zur dritten und vierten Nachkriegsgeneration unsere Gedenkkultur langfristig prägen werden. Und wir müssen diese Gedenkkultur vor dem Hintergrund eines bis in die Mitte der Gesellschaft verbreiteten, häufig nicht sich selbst bewussten, Antisemitismus weiter entwickeln.

Eine solche Weiterentwicklung ist nur möglich, wenn unser „Erinnerungswesen“ auf drei gleichberechtigten Komponenten fußt: Primat der Erinnerung, Alltagsrelevanz und Handlungsimperativ. Alle drei Komponenten müssen im Kontext einer kritischen Eigenreflexion statt bequemer Selbstvergewisserung stattfinden. Nur so können wir die genannten Herausforderungen kreativ und zugleich standhaft angehen.

Das Primat der Erinnerung ist ein Korsett, welches die kollektive Gedächtnisarbeit zusammenhält. Denn wir dürfen nicht das Selbstverständliche vergessen: Das Objekt der Erinnerungsarbeit sind und bleiben die mörderischen Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung Europas und andere Opfergruppen des Nationalsozialisten. Sich dessen zu erinnern ist die primäre Funktion der Gedächtniskultur. Nur wenn wir dessen bewußt bleiben, verhindern wir, dass Erinnerungsübungen sich in immer abstruseren Abstraktionen verlieren oder gar das Andenken der Opfer beleidigen.

Diese Erinnerung und Verantwortung sind nicht endlich: Es geht nicht darum, ein historisches Pflichtprogramm abzuarbeiten, um damit zu einer Normalisierung zu gelangen. Wir nähern uns nicht mit jeder Gedenkzeremonie einem Schlussstrich an und wir werden nicht mit jeder Gedenkstunde besser als Gesellschaft. Denn kollektives Erinnern ist nicht dafür da, um uns besser fühlen zu lassen. Das ist nicht seine Funktion. Wir erinnern, weil es für eine Gesellschaft ein Bedürfnis ist, zur eigenen Vergangenheit Brücken zu bauen, die Verbrechen eigener Vorfahren zu vergegenwärtigen und Opfer dieser Verbrechen zu beklagen. Mittlerweile gehört das ehrliche Erinnern zum Wesen einer jeden post-totalitären Demokratie. Erst recht, wenn die Ausmaße des industriell organisierten Verbrechens die Ausmaße des NS-Regimes angenommen haben.

Um nicht in leeren Ritualen zu verharren, muss diese Erinnerung aber Alltagsrelevanz für Bürgerinnen und Bürger aufweisen. Weil Erinnerung nur funktioniert, wenn sie aktiv betrieben wird, muss nach Anschluss an Erfahrungs- und Empfindungswelten der Bürger*innen gesucht werden. Dass ist nur möglich, wenn sie nach Form und Inhalt für die Menschen von heute nachvollziehbar und alltagsrelevant ist. Es geht um neuartige Medien, die über Geschichte aufklären. Es braucht einen starken Austausch zwischen denjenigen die Erinnerungsarbeit organisieren sowie eine Sammlung von Best Practice Beispielen. Viele gehen neue Wege. Die Berliner Kantorin Avital Gerstetter lässt ihre im Auschwitz umgekommene Tante in Form von Comics wieder aufleben und bezieht die jugendliche Leserschaft aktiv ein. Junge jüdische Schüler*innen und Studierende besuchen Berliner Schulen und suchen Gespräch mit ihren Altersgenossen über den Holocaust. Ob Cartoons oder moderne Verfilmungen, interaktive oder erzählende Formate – neue Formen der Geschichtsvermittlung sind erforderlich. Zugleich gilt zu beachten: auch diese neue Formen dürfen nie die Würde der Opfer überdecken. Sie müssen immer gegenüber dem Gedenken an die Toten und Verfolgten angemessen bleiben. Anschlussfähigkeit bedeutet nicht Voyeurismus. 

Allein schon aufgrund der fortschreitenden Zeit, dürfen wir die Erinnerungsarbeit nicht von  Begegnungen mit Zeitzeug*innen abhängig machen. Es ist möglich Geschichte zu vermitteln, auch wenn ein persönlicher Kontakt zu Überlebenden nicht mehr gewährleistet werden kann. Wir müssen verstärkt dazu übergehen, mit Zeugen-Zeugen zu arbeiten, mit Menschen also, die Ihre Erkenntnisse aus persönlichen Erfahrungen mit Zeitzeugen. Wichtig ist, die Traumata der zweiten und sogar die Empfindungen der dritten Generation zu thematisieren. 

Eine besondere Herausforderung ist es, an die Erlebniswelten der Menschen mit Migrationshintergrund anzuknüpfen. Hier sind etwa Verbindungen mit der Geschichte der Herkunftsländer, Anknüpfung an eigene Minderheits- oder Diskriminierungserfahrungen essentiell. Aber auch an dieser Stelle muss die heikle Balance zwischen Anknüpfungspunkten und Singularität des Holocausts gemeistert werden. Diskriminierungen können unterschiedlich sein, der historische Holocaust war und bleibt einmalig.  

Die Zukunft der Erinnerung ist nicht ohne den erinnerungspolitischen Handlungsimperativ vorstellbar. Erinnerung darf sich nicht in der reinen Vergewisserung des Monströsen der Shoa erschöpfen. Es geht auch darum, aus der Erinnerung die richtigen Lehren zu ziehen. Es geht um die Verwirklichung des von Theodor W. Adorno formulierten Imperativs, dass wir unser Denken und Handeln danach ausrichten, dass Auschwitz sich nicht wiederholt. Um das zu leisten, muss die moderne Erinnerungsarbeit mehr leisten, als die Schrecken der Shoa zu zeigen. Sie muss die Verbindung zum Heute herstellen und Handlungsmotivierend wirken.

Ein wichtiger Handlungsimperativ ist dabei, allen aktuellen Formen des Antisemitismus aktiv entgegenzutreten. Dabei geht es nicht nur um die offen antisemitischen Glatzköpfe mit Springerstiefeln, denen man ihre Gesinnung ansieht. Es geht darum zu zeigen, warum Weltverschwörungstheorien einen antisemitischen Kern haben und inwiefern bestimmte Formen der Kritik an Israel nicht nur die Politik der israelischen Regierung kritisieren, sondern sich antisemitischen Klischees bedienen. Die subtilen Erscheinungsformen des Antisemitismus des Mainstreams zu erkennen und ihnen entschieden entgegenzutreten – dass ist die größte Herausforderung unserer Tage für eine aktive Erinnerungsarbeit.  

Wichtig ist dabei auch, Relativierungen des Holocaust durch direkte oder indirekte Gleichstellungen mit anderen totalitären Regimen und Genoziden entgegenzutreten. Die industriell-bürokratisch geplante und durchgeführte Ermordung der jüdischen Bevölkerung durch die deutschen Nationalsozialisten mit Zustimmung der Mehrheit des deutschen Volkes entsprang der antisemitischen Wahnvorstellung, der die Juden als „Gegenrasse“ zu den Ariern imaginierte. Es ging den Nationalsozialisten nicht um Versklavung oder Ermordung aus politischen Machtgründen, sondern um die vollständige Vernichtung, da sie alles Böse in der Welt konkret auf die Juden projizierten anstatt die komplexen, abstrakten Strukturen und Ungerechtigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft zu analysieren, zu begreifen und zu verändern. Das alles passierte in einer Gesellschaft, die sich noch ein paar Jahre zuvor in der Weimarer Republik als demokratisch und zivilisatorisch verstand. An dieser Stelle wird der Handlungsimperativ relevant. Eine der zentralen Fragen der Erinnerungsarbeit muss heißen: Wieso hat die deutsche Gesellschaft in ihrer großen Mehrheit die Schoa mitgetragen? Und wie können wir eine Wiederholung dessen verhindern?

Diese Frage wird in Deutschland mehrheitlich nicht gestellt. Stattdessen fordert knapp zwei Drittel der Deutschen: „Es wird Zeit, dass unter die nationalsozialistische Vergangenheit ein Schlussstrich gezogen wird.“[1] Diese Abwehr der Vergangenheit geht mit dem neu artikulierten Opfermythos in der deutschen Gesellschaft einher. Viele nutzen das Leid, welches der deutschen Bevölkerung Europas angetan wurde, um die deutsche Schuld und Verantwortung für die Shoa zu relativieren.

Ein weiterer Versuch der Entlastung führt über die versteckte Täter-Opfer-Umkehr bei Analysen der israelischen Politik. Kritik an der Politik der israelischen Regierung gehört zum Standard einer demokratischen Diskussion, ob in Deutschland oder in Israel. Die Grenzen der legitimen Kritik sind dann überschritten, wenn sie mit Vergleichen der israelischen Politik mit den Verbrechen des Nationalsozialismus argumentiert. Eine Position, die keine Randerscheinung ist: Ganze 40 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass Juden mit Palästinensern tun, was Nazis den Juden angetan hatten.[2]. Fast genauso viele Menschen in Deutschland denken, die Politik Israels erkläre, wieso man „etwas gegen Juden hat.“[3]

Wenn wir Erinnerungspolitik ernst meinen, darf sie nicht nur auf rituelles Gedenken beschränkt bleiben. Sich an Vergangenheit erinnern bedeutet zugleich, sich in Gegenwart zu engagieren. Nur wenn wir Antisemitismus und Rassismus heute erkennen und bekämpfen können, ist das Gedenken ein vollständiger gesellschaftlicher Prozess. Diesen Prozess zukunftstauglich zu gestalten, muss im Vorfeld des geschichtsträchtigen Jahres 2015 unsere politische Priorität werden.

 

Sven-Christian Kindler MdB (Bündnis 90/Die Grünen) ist Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Dr. Sergey Lagodinsky ist Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Autor des 2014 erschienen Buches „Kontexte des Antisemitismus“ (Metropol-Verlag)

 


[1] Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften, 2006

[2] Forschungsprojekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Uni Bielefeld, 2008

[3] Forschungsprojekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Uni Bielefeld, 2010

 

3 Kommentare

  1. Deutlich müssen vor allem zwei Grüne Botschaften zu diesem Thema werden, erstens: Es gibt keinen Schlussstrich. Diese "neue" Schlussstrichmentalität, die es in Wirklichkeit schon immer gab und vor allem bekannt ist aus den 1950er Jahren, ist gefährlich, nicht nur für unsere Erinnerungskultur sondern auch für unsere politische und Demokratiekultur. Zweitens: Ritualisiertes Gedenken, gerade in Zeiten, wo wir uns an der Schwelle von Zeitgeschichte und Geschichte befinden, wo also Zeitzeugen immer seltener werden und unser kollektives erinnern nicht mehr nur im sozialen, vielmehr auch im kulturellen Gedächtnis stattfindet, birgt immer die Gefahr des Vergessens. Wir müssen uns also entschieden gegen jede Form der Ritualisierung wenden. Dabei geht es nicht darum, bestimmte "Rituale" wie Gedenktage und Veranstaltungen, Stolpersteine und ähnliches aufzugeben, Nein. Vielmehr geht es darum, diese kreativ und vielfältig zu gestalten, um auch das Interesse der Menschen, das Geschichtsbewusstsein eines Jeden anzusprechen. Das heißt, eine Kultur der Vielfalt des Erinnerns muss sich etablieren. Das vehemente Beharren und Wiederholen von Floskeln oder Worthülsen als Ritualisierung darf nicht inhaltsleer sein, muss kreativ gestaltet werden, sodass, obwohl gedenktage richtig und wichtig sind, diese doch einzigartig werden.
    Wir Grüne sollten auch den stärkeren Dialog suchen mit der Geschichtswissenschaft, den Initiativen und der Zivilgesellschaft, vor allem wenn es darum geht, Fragen zu stellen. Wie gehn wir mit der Erinnerungskultur in Zeiten der Akkulturation (die als Chance zu begreifen ist) um? Wie gestalten wir den Bogen zwischen Geschichte, Gegenwart und Zukunft? Kann man aus der Geschichte lernen? Oder bietet sie uns nur individuell Orientierung bei der Gestaltung der Zukunft, dem Engagement in der Gegenwart? Welche Rolle spielt Oral History in zukunft? Wie auch die Demokratiekultur festigen durch erinnern?
    Fest steht, Erinnern ist immer selektiv, dies wird bestärkt durch den notwendigen Gegenwartsbezug und stellt auch nicht zwangsweise etwas Negatives dar. Nur wie gehen wir damit um? Und was gehört zu unserer Geschichtsschreibung, was nicht? Was wollen wir erzählen? Viele Fragen, die es zu stellen gilt, nicht auf jede findet sich eine Antwort, manchmal mag es auch mehrere Antworten geben.
    Gut finde ich die (oben vorgenommene) Verbindung zwischen dem Engagement gegen Antisemitismus und rechte Ideologien und Kräfte mit dem Akt des Erinnerns. Die Aufgabe der Politik ist es hierbei, unter anderem, die Zivilgesellschaft und zivilgesellschaftliches Engagement und Initiativen stärker zu unterstützen.
     

  2. Was ich ganz witzig finde, ist das Datum des Artikels. Es kontrastiert schön mit dem Titel.

    Entscheidend ist mir aber was anderes: ich finde Erinnerungsrituale gut. Ohne sie hätte ich mich nicht dem Holocaust nähern können und darüber hinaus gehen, sprich, mich für Geschichte und Kultur Osteuropas vor dem Holocaust interessieren können.

  3. Man sollte nicht nachlassen, auch immer noch zu " (auf) entdecken". Neben der Erinnerung gibt es  vieles, daß noch gar nicht als "Verbrechen" bekannt ist, oder aufgearbeitet worden ist. Auch sollte Erinnerung nicht Elitär stattfinden. Im Öff. Rechtl. Fernsehen findet kontinuierlich in  fiktionalen Abendprogrammen  eine Umkehr der Täter – Opfer Rolle als Erinnerung statt. Das prägt leider das Bild der jungen Menschen, und trägt dazu bei, kein Handlunsgbedarf bzgl. der eigenen Geschichte zu sehen. Man kann dort konkret nachfragen, wieso das so gehandhabt wird.

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